15-07-10 // Interview
Anlässlich zum Album Release von LIVE! EXILE ON STRAIT STREET hier ein aktuelles Telefoninterview, welches wir vor wenigen Tagen mit Phillip führen konnten und für Euch aufgezeichnet haben:
© Bart E. Streefkerk
Mit Live! Exile on Strait Street erscheint nach langer langer Zeit das zweite Live Album vom Voodooclub. Kannst Du uns etwas zur Entstehung, der Idee und zum Konzept vom Live Album zählen:
Phillip: Die Idee ist eigentlich entstanden aus einer anderen Idee heraus, nämlich aus der Idee ein neues Album machen zu wollen. Nur hatte ich mich schon entschieden vor über einem Jahr oder so, dass das nächste Album so gut werden muss, dass das jetzt verdammt lange Zeit braucht. Ich werde mir unheimlich Zeit lassen gute Texte, gute Songs zu schreiben und deswegen ist nicht abzusehen wann das Album erscheinen wird, also frühestens Sommer 2011. Zur Überbrückung und aus dem Wunsch heraus, den eine Menge Fans geäußert hatten, ein Live Album mal wieder hören zu wollen, ist die Idee letztendlich entstanden. Die Idee stammt so aus dem September 2009 und wurde dann relativ kurzfristig realisiert. Wir haben vier oder fünf Konzerte mitgeschnitten, ich glaube jeweils mit mehr als vierundzwanzig Spuren, so dass jedes Instrument getrennt aufgenommen wurde. Davon sind zwei Aufnahmen leider fast nichts geworden und die anderen drei Aufzeichnungen sind sehr gut geworden. Normalerweise bastelt man an einem Live Album noch im Studio herum und versucht Fehler zu beheben, z. B. durch Studio Overdubs usw. Das haben wir alles nicht gemacht, es ist alles so wie es war, es ist weder übertrieben noch Applaus dazu gemogelt oder Stimmen verbessert, es ist einfach wie es ist. Es kann natürlich niemals ein Live Erlebnis vor Ort widerspiegeln, dass ist technisch unmöglich aber es ist halt sehr ehrlich, wie ich finde ehrlich authentisch und es hat schon ordentlich Druck. Mir persönlich gefällt es besser als Live! Exile on Valletta Street, denn es repräsentiert die Band mehr wie sie heute ist, obwohl ein Teil der Songs natürlich identisch ist. Um es auf einen Nenner zu bringen, ich hatte totale Lust drauf und die Fans hatten danach gefragt.
Das Live Album wird nur im Shop erhältlich sein und nicht im regulären Handel?
Phillip: Ja, wir hatten über reguläre Vertriebswege nachgedacht aber ich habe mich dafür entschieden mehr oder weniger ohne Promotion für Hardcore Fans … nee, schreib lieber für treue Fans der Band, gefällt mir besser, Hardcore klingt so abgedroschen, zu veröffentlichen. Manchmal kann ich Dinge einfach nicht begründen, so aus dem reinen Bauchgefühl heraus. Ich war überzeugt das passt zum Release, sehr erdig, sehr authentisch und es sollte schon reduziert sein, nicht überproduziert und nicht aufgeblasen werden durch Promotion oder großen Vertriebsdruck, es soll einfach 1:1 für die Fans sein.
Bei einem Release kommt ja immer die Frage nach einer Vinyl Edition auf, ebenso fragen viele Fans häufig nach einer DVD?
Phillip: Vermutlich ist die Nachfrage nach Vinyl nicht stark genug das sich der ganze Aufwand dafür lohnt. Das nächste reguläre Studioalbum wird sicherlich wieder auf Vinyl erscheinen. Wenn sich aber sehr viele Leute melden, d. h. also konkret melden und sich registrieren lassen um eine Vinyl davon zu haben, dann sollen sie sich einfach bei Sylvie im Shop namentlich melden und dann sammeln wir die Anfragen und schauen mal ob es sich vielleicht tatsächlich lohnt eine Vinylauflage davon zu machen. Der Plan war keine DVD – eine DVD ist einfach eine andere Geschichte, technisch aufwendiger und ich bemerke das das Thema DVD immer wieder aufkommt, also Live-DVD und denke darüber nach ob wir die September/Oktober Tour dementsprechend komplett mitfilmen, mit 3 Kameras oder so. Generell bin ich der Meinung, dass eine richtig gutgemachte DVD, die nicht langweilig sein soll, sehr extrem hohe Qualitätsstandards erfüllen muss und das passt scheinbar nicht mehr in die Zeit. Wie gesagt, vielleicht finden wir einen Mittelweg und filmen auf den nächsten 7 Shows.
© Bart E. Streefkerk
Über Tracklisting und Lieblingssongs kann man bekanntlich lange debattieren und streiten, warum aber sind keine Songs von den Alben zuvor enthalten, wie z. B. Burn All The Flags?
Phillip: Ganz einfach, aus rechtlichen Gründen. Wenn die Rechte dazu noch bei anderen Verlagen oder Plattenfirmen liegen, müssen Songs mindestens 10 Jahre alt sein bevor wir sie in anderer Form als auf dem Originalalbum veröffentlichen dürfen. Und eine Antwort zum Thema Lieblingssongs erscheint mir fast unmöglich aber ich versuche es trotzdem mal. Jemand fragte z. B. nach dem Song Sigh. Die Popularität solch eines Songs ist extrem im niedrigen Bereich. Wir können das ganz gut nachprüfen, z. B. über iTunes oder Ranking auf last.fm. Ich habe über 400 Songs, wie soll ich da auf jeden individuellen Wunsch eingehen. Wir waren technisch ein wenig begrenzt, deswegen ist u. a. Container Love nicht auf dem Album, davon hatten wir technisch keine guten Aufnahmen. Ich bin in der Beziehung hoffnungslos überfordert, weil jeder Fan nun mal andere Lieblingslieder hat. Ich kann mein Programm nicht so zusammenstellen, wir können nun mal nicht 400 Songs spielen. Ich habe das schon ziemlich oft gesagt und es bringt mich immer zum verzweifeln. Ich lasse mir regelmäßig last.fm ausdrucken und ich bekomme halbjährlich Download Abrechnungen über die beliebtesten Songs. Ich weiß daher, dass wir die beliebtesten Songs eigentlich immer spielen. Ein anderes Beispiel: Es gibt Leute, die mich persönlich angeschrieben haben, ich soll doch bitte God’s Train spielen. Um ihnen eine Freude zu machen, also den Fans die mich angeschrieben haben und denen ich auch persönlich geantwortet habe, habe ich God’s Train in unseren Myspace Player einstellen lassen. Als ich einige Zeit später wieder mal last.fm in die Hände bekam, fiel es mir zufällg wieder ein und ich schaute mal interessehalber nach … was ich aber besser nicht getan hätte. Von fast 500 Songs die dort auftauchen, war besagter Song Nr. 498 in der Beliebtheitsskala. Das ist ein gutes Beispiel um zu verdeutlichen wie schwierig es für mich ist, Songs zu spielen, die halt von einigen individuell geliebt werden aber von anderen einfach komplett ignoriert werden. Sigh gehört ebenso dazu wie auch God’s Train. Wir werden aber versuchen auf den Live Konzerten im September insgesamt 6 andere Stücke zu spielen, dem Ergebnis vom Fan Voting folgend. Um welche Stücke es sich dabei handelt, verrate ich jetzt noch nicht. Im Oktober folgen dann noch 2 bis 3 weitere Songs. Ich kann nur langsam anfangen, meinen riesigen Katalog auch mal wieder zu spielen, es ist jedenfalls ein Thema das mich durchaus mittlerweile belastet.
Die Live Shows sind ein gutes Stichwort, wie kamen die anstehenden Shows im September und Oktober zu Stande, man hört und liest ja immer mal wieder Proteste von selbsternannten "Städte-Egoisten"?
Phillip: Der örtliche Veranstalter muss Lust darauf haben und im Moment wollen/können wir nicht in Städten wie Dresden, Hamburg, Berlin, Köln, München, Stuttgart und Frankfurt spielen, da wir das schon letztes Jahr ausgiebig getan haben und deswegen ist es fast ein Zufall in welcher Stadt man spielt. Das ist nicht böse oder arrogant gemeint, wer Lust hat soll einfach vorbeikommen auch wenn man diesmal etwas weiter fahren muss. Ich denke, das hat die Band aber auch mal verdient. Und die Leute können davon ausgehen, dass die Shows so gut wie nie werden, der Voodooclub 2010 ist richtig cool!
Du gibst bekanntlich selten Interviews oder schreibst Blogs aber ausgerechnet zur Fußball-WM erschienen überraschend ein paar Beiträge von Dir auf laut.de?
Phillip: laut.de hatte ursprünglich nur wegen einem Promi-WM-Tippspiel angefragt und ich entweder gute Laune oder etwas Zeit. Auf jeden Fall hat mich das interessiert und ich fand das nett, dass sie mich gefragt haben. Dass ich dort einen Blog oder Essay schreibe war zuerst überhaupt nicht geplant, dann hätte ich es auch abgelehnt. Aber irgendwie haben sie es geschafft, das ich dann selber 2 Beiträge geschrieben habe, weil ich mich einfach hingesetzt habe und Lust darauf hatte. Ich kann nicht auf Kommando schreiben. Ich versuche z. B. jetzt seit 4 Wochen Texte zu schreiben; hatte eine Phase da habe ich die Texte grob geschrieben aber die letzten Wochen setze ich mich selbst unter Druck um diese Texte zu vervollständigen, perfektionieren oder zu vergrößern aber es gelingt mir nicht. Ich brauche immer gewisse Augenblicke und die hat laut.de irgendwie durch Zufall getroffen. Normalerweise mache ich so etwas nicht aber ich finde das Musikmagazin gut und es muss mir halt selber Spaß machen, mehr steckt aber nicht dahinter.
Abschließend, warum wird es das neue Live Album nicht als Download Release geben und wo siehst Du Unterschiede zwischen den beiden Live Alben, insbesondere im Vergleich damals zu heute?
Phillip: Das neue Live Album enthält z. B. keine Codierung, die Titel und Namen sind nicht digitalisiert. Das ist ein Retro-Statement, die CD soll einer gewissen Anonymität unterliegen, wie etwa Vinyl; es ist auch ein Statement dagegen, dass alles, was man heute tut, digital erfassbar, vermarktbar und absolut kontrollierbar ist, was die Freiheit des Individiums eines Tages bedenklich einschränken könnte. Die CD ist also ein guter, ehrlicher Schritt zurück: weniger digital, unmanipuliert, menschlich; daher auch kein Download Release. Das unterscheidet diese Live CD von normalen Veröffentlichungen, auch von unseren normalen Veröffentlichungen.
Ein Live Album zu realisieren, das relativ gut klingt und trotzdem Druck hat und ein Live Erlebnis wiederspiegelt ist eine extrem schwierige Sache. Ich kann mich daran erinnern, dass wir 91/92 bei dem ersten Live Album ein sehr extrem hohes Budget hatten, ein Recording Budget das heute nur noch die großen internationalen Bands haben. Das jetzige Album war zwar auch recht teuer in der Produktion aber kein Vergleich zum ersten Live Album. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir ohne Hilfe von Major Companies, also großen Plattenkonzernen, es geschafft haben, dieses Album zu realisieren und veröffentlichen zu können. Das war viel Arbeit und es steckt eine Menge Herzblut drin, ich bin sehr froh, dass es jetzt endlich erscheint … gibt es ein schöneres Schlusswort?!
Viele Grüße, Phillip.
Anmerkung und Hinweis in eigener Sache:
Wir freuen uns auf Eure Äußerungen und Feedback, Lobhuldigungen, Kritik usw. zum Live Album oder was ihr einfach schon immer loswerden wolltet. Oder wer einfach nur sagen möchte " … ja verdammt, ich liebe diese Band!" kann auch dem gerne im Gästebuch nachkommen.
Auf Facebook und Myspace sind Kommentare ebenfalls willkommen, dort besteht bekanntlich die Möglichkeit, dass sie von einer bestimmten Person gelesen werden. Best, Micha.





